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Deregulierung und Privatisierung der Bildungswesens1 VORWORT Wir danken allen, die an der Entstehung dieser
Arbeit mitgewirkt haben. Insbesondere Herrn Bruno Santini,
Geschäftsführer der Schweizerischen Arbeitsstelle für
Bildungsfragen der Schweizer Katholiken, und Herrn Walter Lavater, ehemaliger
Sekundarlehrer, welche uns ausführliches Material zur Verfügung
gestellt haben.
Ebenfalls
möchten wir uns bei Petra Castioni für die kritische Durchsicht und
die Korrekturarbeiten bedanken.
2 EINLEITUNGDie heutige Zeit ist geprägt von der
Forderung nach Deregulierung und Privatisierung der Wirtschaft. Zur Zeit
durchlaufen viele Unternehmen eine Phase der Veränderung und Neuausrichtung
auf die Zukunft. Diese Liberalisierung wird auch in Bereichen diskutiert, welche
bis vor kurzem noch vom Staat verwaltet wurden.
So
fordert Alfred Zwygart, Partner und leitender Direktor der Akad, neue,
leistungsfähige und kompetente Anbieter auf dem sich ebenso rasant
verändernden Bildungsmarkt. Gefragt seien Anbieter, die ihre
Bildungsangebote rasch, preiswert und möglichst individualisiert offerieren
können.[1]) Dies soll durch eine
Privatisierung und Deregulierung des Bildungswesens erreicht werden.
Zuschüsse sollen nicht mehr direkt an die Schulen, sondern direkt an die
Auszubildenden vergeben werden. Um diese Zielsetzung zu erreichen, werden
verschiedene Massnahmen diskutiert. Eine davon ist die Finanzierung der Bildung
via Gutscheine.
Darauf
werden wir näher eingehen und die Neuerungen aufzeigen. Zunächst
erläutern wir, wie das Bildungswesen derzeit strukturiert ist.
Anschliessend zeigen wir die Mechanismen des Bildungsmarktes auf und leiten dann
zum Bildungsgutschein über. Dabei schreiben wir über mögliche
Variationen und praktische Versuche des Gutscheinsystems. Abschlies-send
betrachten wir Problembereiche einer Umsetzung in der Schweiz und geben unseren
Kommentar
dazu.
3 IST-ZUSTAND DES SCHWEIZERISCHEN BILDUNGSSYSTEMSBis ins 18. Jahrhundert wurde die Bildung von
privaten Bildungseinrichtungen vermittelt. Im Mittelalter war das Schulwesen
stark von der Kirche dominiert. Im 19. Jahrhundert sind die staatlichen
Bildungseinrichtungen geschaffen worden, um, durch das aufklärerische und
liberale Gedankengut angeregt, dem Bildungswesen den kirchlichen Einfluss zu
entziehen (Basis: helvetische Verfassung von 1798, heute: Artikel 27 der
Bundesverfassung).[2]
)
[3][4][5]
Das Bildungssystem der Schweiz ist föderalistisch geprägt. Die
Schulhoheit liegt grundsätzlich bei den Kantonen. Auf Bundesebene
beschäftigen sich mehrere Ämter mit Bildungs- und Wissenschaftsfragen.
Die Kompetenz, Gesetze für die Berufsbildung zu erlassen, liegt beim Bund.
Für die Koordination sind die kantonalen Erziehungsdirektoren
zuständig. Die Kantone geniessen eine grosse Autonomie in der Gestaltung.
Dies hat zur Folge, dass vor allem in der obligatorischen Schule verschiedene
Schultypen entstanden sind. Jedoch sind jene nach der obligatorischen Ausbildung
homogener. Grafik 1 zeigt einen Überblick über das Bildungswesen der
Schweiz.
Damit zählt das schweizerische Bildungswesen
zu den am wenigsten flexiblen und unliberalsten der westlichen Welt, da weder
auf Seite der Eltern und Schüler noch auf Seite der Schulen Autonomie
besteht. Privatschulen werden in der Regel nicht unterstützt. Eine
Untersuchung der OECD ergab, dass Schweizer Schulen den weitaus geringsten
inhaltlichen und methodischen Spielraum haben.
2)
3.1 INTERNATIONALER QUERVERGLEICHDie Schulsysteme der europäischen Staaten
unterscheiden sich stark voneinander. In den Niederlanden oder etwa in
Frankreich bestehen öffentliche und stark subventionierte private
Bildungsinstitute nebeneinander. In Grossbritannien werden private Schulen nicht
gefördert, doch werden Privatschüler aus Familien mit niedrigen
Einkommen finanziell unterstützt. Hingegen ist im deutschsprachigen Raum
das öffentliche Bildungswesen von Liberalisierungsideen noch weitgehend
unberührt.
Das
liberalste aller Bildungssysteme ist jenes der USA, bedingt einerseits durch die
individualistisch geprägte amerikanische Gesellschaft und andererseits
durch die schlechten Leistungen des öffentlichen Schulsystems.
[6])
4 KANN DAS BILDUNGSWESEN ALS MARKT VERSTANDEN WERDEN?Der Bildungsgutschein hat zum Ziel, das
Bildungswesen mit marktwirtschaftlichen Mechanismen zu steuern. Wenn wir
allerdings das Bildungswesen dem Wettbewerb aussetzen wollen, müssen wir
erst einmal untersuchen, ob man Bildung als Markt verstehen kann. Zugleich
drängt sich auch die Frage auf, ob ein System von eigenständigen, sich
konkurrierenden Bildungseinrichtungen einem vom Staat regulierten und zentral
geführten System überlegen ist.
Im
Bildungswesen finden wir diverse Bildungsinstitute, welche Bildung produzieren,
und Schüler, Studierende und Eltern, die für sich oder ihre
Zöglinge eine angemessene Aus- und Weiterbildung nachfragen. Das
Zusammentreffen von Anbietern und Nachfragern bildet einen Markt. Zu diesem
Schluss kam auch Milton Friedman, ein amerikanischer Ökonom und
Befürworter wirtschaftsliberalistischer Reformen der ersten Stunde. Er
meinte dazu, dass Bildungsgüter nicht anders als andere
Wirtschaftsgüter auch über ein freies
Nachfrage-Angebot-Verhältnis «produziert» und
«konsumiert» werden
können.[7])
Der
Umstand, dass auf einem Markt für ein Gut ein Preis zu zahlen ist,
veranlasst die Nachfrager, ihre Präferenzen sorgfältig zu prüfen,
was sie in der Höhe ihrer Zahlungsbereitschaft ausdrücken. Je mehr
Anbieter sich nun den Markt teilen, desto höher ist auch die Bereitschaft
der Nachfrager, Informationen über ihre Zahlungsbereitschaft und ihre
Präferenzen bekanntzugeben, da sie erwarten können, dass die Anbieter
auf diese Informationen entsprechend reagieren
werden.[8]) Eine laufende Anpassung an
die Bildungsbedürfnisse ist die Folge.
Andererseits
produzieren die Anbieter Bildung auf eigenes Risiko. Sie sind primär daran
interessiert, einen möglichst hohen Profit zu erwirtschaften. Um aber im
Markt erfolgreich bestehen zu können, müssen sie einerseits ihr
Angebot an die Präferenzen und die Zahlungsbereitschaft der Nachfrager
anpassen.
Andererseits versuchen die Anbieter, ihre Mittel so effizient wie möglich
einzusetzen. Jede Ausgabe und jede Investition werden sorgfältig
geprüft. Im Gegensatz dazu versucht in einem staatlich geführten
System jede Schule, dass ihr ein möglichst hohes Budget zugesprochen wird.
Dieses Budget wird dann auch vollständig ausgeschöpft, da sonst im
nächsten Jahr eine Budgetkürzung
droht.[9])
Die
Anbieter werden sich nicht nur damit begnügen, die bestehenden Wünsche
der potentiellen Nachfrager zu eruieren. Um sich gegenüber der Konkurrenz
einen Vorteil zu verschaffen, werden sie versuchen, neue Angebote zu
formulieren, von denen sie erwarten, dass sie latente Wünsche der
Nachfrager treffen. Diese ständigen Verbesserungen und Diversifizierungen
des Angebotes führen zu einem Innovationsschub, der von einem staatlich
administrierten System so nicht erbracht werden kann.
Ulrich
van Lith beschreibt diesen Prozess folgendermassen: «Der Markt
verarbeitet so unzählige Informationen, bringt eine unendliche Vielfalt von
individuellen Wünschen und Bedürfnissen mit den verfügbaren
Ressourcen in einem permanenten Abstimmungsprozess in Einklang. Dabei kommt
jeder mit seiner Nachfrage zum Zuge, soweit denn für das, was er bereit ist
auszugeben, ein Angebot gemacht werden
kann.»[10])
Ein
nach marktwirtschaftlichen Grundsätzen funktionierendes Bildungswesen wird
auch Auswirkungen auf Lehrer und Dozenten haben. An staatlichen Schulen
unterrichtende Lehrer erhalten einen fixen Lohn und haben den Status von
Beamten. Gute und überdurchschnittliche Leistungen von Lehrern können
nicht mit Lohnanreizen belohnt, schlechte unterdurchschnittliche Arbeiten
können nicht sanktioniert werden. Eine private Schule wird Eltern und
Schüler nur mit einem guten und an die Bedürfnisse angepassten
Unterricht gewinnen können. Es werden auch Lehrer mit Lohnanreizen dazu
angehalten werden, ihre Leistungen laufend zu
verbessern.[11])
Von
einer Privatisierung des Bildungswesens kann somit erwartet werden, dass die
Schulen sich kostenbewusster verhalten, die Qualität des Unterrichts
steigt, ein vielfältigeres Bildungsangebot entsteht, die Zufriedenheit der
Studierenden, Schüler und Eltern steigt, Lehrer ihren Unterricht freier
gestalten können sowie neue und innovative Unterrichtsformen Verbreitung
finden.
4.1 BESONDERHEITEN DES BILDUNGSMARKTESWie wir festgestellt haben, kann das
Bildungswesen unter freiem Wettbewerb bestehen. Allerdings gilt es auch
festzuhalten, dass für diesen Markt einige besondere Regeln
gelten.
4.1.1 FEHLENDE ZAHLUNGSBEREITSCHAFTNachgefragt werden nur Güter, für
welche auch eine Zahlungsbereitschaft besteht. Zahlungsbereit ist aber nur
jemand, der auch bis zu einem gewissen Sinne zahlungsfähig ist. Eine
Liberalisierung des Bildungswesens würde unsere sozialen Strukturen in
einem grossen Masse gefährden. Familien mit kleinem und mittlerem Einkommen
könnten sich für ihre Kinder kaum mehr eine angemessene Ausbildung
leisten, da sie diese schlicht nicht mehr vermögen würden. Eine kleine
privilegierte Schicht könnte sich noch den Luxus eines Hochschulabschlusses
leisten. Um dieser Gefahr vorzubeugen, müssen wir neue Wege der
Finanzierung finden.
[12])
4.1.2 FINANZIERUNG VON HUMANKAPITALEine Finanzierung von Bildung ist eine
Investition in Humankapital. Myung-Shin Kim beschreibt in seiner 1994 erschienen
Doktorarbeit «Bildungsökonomie und Bildungsreform», einer der
wichtigsten Aspekte der Humankapitaltheorie sei die Betrachtung der Verbesserung
der Arbeitskräfte als eine Form von
Kapitalinvestition.[13])
Die
Finanzierung von Sachkapital kann durch die Eigentumsrechte an der Sache
gesichert werden. Kann ein Kreditnehmer seine Schuld nicht begleichen, so kann
der Gläubiger das Pfand verwerten.
Im
Gegensatz dazu können Rechte auf Humankapital nicht verpfändet werden.
Dies würde bedeuten, dass der Schuldner bei Zahlungsunfähigkeit die
Rechte an seiner Person jemand anderem übergeben müsste. Unsere
ethischen und moralischen Grundwerte lassen einen solchen Handel nicht
zu.
Somit
wären Familien mit kleinen und mittleren Einkommen nicht in der Lage,
Bildungskredite zu erhalten, da sie keine Sicherheiten bieten
können.
Daraus
stellt sich die Frage, ob nicht der Staat – soweit die privaten
Instrumente der Geld- und Kreditwirtschaft das aufgezeigte Problem nicht
zufriedenstellend lösen – bei der Finanzierungsfunktion
subsidiär tätig werden
muss.[14])
Bei
der Einführung eines freiheitlichen Bildungssystems würde die
Subventionierung der öffentlichen Schulen eingestellt. Damit entfällt
für den Staat auf einen Schlag ein Grossteil der bildungsbezogenen
Ausgaben. Diese freigestellten Mittel könnte man nun so umleiten, dass sie
direkt Eltern mit schulpflichtigen Kindern oder Studierenden zuflössen. Der
«Bildungsgutschein» ist eine Form einer solchen
Subjektfinanzierung.
5 DER BILDUNGSGUTSCHEINEckhard Behrens definiert den Bildungsgutschein
folgendermassen: «Der Bildungsgutschein ist ein Wertpapier, das dem
Schüler oder Studenten die staatliche Finanzierung seines Rechts auf
Bildung verbrieft und der Schule oder Hochschule den Rechtsanspruch auf einen
Geldbetrag verbrieft, der die durchschnittlichen Kosten eines Schülers oder
Studenten im selben Bildungsgang decken
kann.»[15]) Den einzelnen
Schulen ist es freigestellt, Schulgelder zu verlangen, welche den Wert des
Gutscheins übersteigen. Dieser Betrag muss von den Eltern oder Studierenden
selbst aufgebracht werden.
Die
Einführung des Bildungsgutscheins wird von verschiedenen Voraussetzungen
und Gegebenheiten begleitet. Dazu zählt das Recht auf Chancengleichheit,
die Selbstverwaltung und Autonomie der Schulen, der freie Wettbewerb unter
Schulen und Hochschulen, die freie Schulwahl und der Staat als Kontroll- und
Lenkungsorgan. Diese Punkte werden wir im folgenden näher
erläutern.
5.1 CHANCENGLEICHHEITWinfried Böhm beschrieb die
Chancengleichheit als: «Die Sicherstellung einer der Begabung des
Einzelnen entsprechenden
Bildung.»[16])
Der
Harvard-Professor Christopher Jencks konnte in einer Studie nachweisen, dass
volle Chancengleichheit bei allen Anstrengungen kompensatorischer Erziehung eine
reine Illusion darstellt.[17])
Selbst in einem staatlich administrierten System können wohlhabende
Familien ihre Kinder an eine Eliteschule schicken.
Insbesondere
das Gutscheinsystem der Jencks-Commission versucht die Chancengleichheit mittels
einkommensabhäniger Beiträge möglichst optimal wieder
herzustellen. Auf dieses System gehen wir unter «Varianten» näher
ein.
5.2 SCHULAUTONOMIEIn diesem Modell werden die Schulen nach
privatwirtschaftlichen Grundsätzen geführt. Dies erlaubt ihnen eine
umfassende organisatorische und pädagogische Freiheit. Insbesondere das
Lehrangebot, die Dauer der Ausbildung sowie die Lehr- und Lernformen werden
dadurch eingeschlossen. Die Schulleitung wird damit zur
Unternehmensleitung.[18])
Eine
viel geäusserte Befürchtung ist, dass sich selbstverwaltende Schulen
die Ergebnisse ihrer Studenten beschönigen, indem sie Prüfungen
vereinfachen. Diese Gefahr des Missbrauchs ist als gering einzuschätzen,
denn der Abnehmermarkt wird rasch auf Manipulationen reagieren. Eine Schule kann
langfristig nur mit einem guten Ruf sowie optimalen Bildungsergebnissen
bestehen.[19])
5.3 WAHLFREIHEITDer Bildungsgutschein legt den Nachfragern
(Eltern/Schüler) die finanzielle Verfügungsmacht in die Hände.
Sie haben damit die volle Freiheit beim Wählen der geeigneten Schule
(Konsumentensouveränität).[20])
Schlechte
Schulen hätten somit wesentlich weniger Zulauf als gut geführte und
angebotsorientierte. Dies schafft für die Bildungsanstalten und damit
für die Lehrer einen Anreiz, ihren Unterricht optimal zu
gestalten.[21])
5.4 GLEICHSTELLUNG VON ÖFFENTLICHEN UND PRIVATEN SCHULENStaatlich und privat geführte Schulen werden
einander sowohl finanziell als auch rechtlich gleichgestellt. Indem die Schulen
sich über die Gutscheine der Studenten finanzieren, kämpfen sowohl
öffentliche als auch private Anbieter mit gleich langen Spiessen. Ebenfalls
gelten für beide Organisationsformen die selben staatlichen Richtlinien und
Kontrollorgane.
5.5 FUNKTION DES STAATESIn einem via Gutscheine regulierten Bildungsmarkt
fallen die meisten administrativen Aufgaben auf den Staat. Damit insbesondere im
obligatorischen Bereich des primären und sekundären Sektors die
Qualität der Grundausbildung gewährleistet ist, entstehen für den
Staat neue Kontroll- und Lenkungsfunktionen.
Zum einen schreibt der Staat Bildungsziele fest und regelt die
Prüfungsanforderungen. Wie die einzelnen Anbieter diese Ziele erreichen,
wird aber offen gelassen
(Methodenfreiheit).[22])
Zum
anderen erteilt der Staat Schullizenzen. Diejenigen Institute, welche eine
Schulzulassung erhalten wollen (um damit Bildungsgutscheine beim Staat
einlösen zu können), müssen der staatlichen Behörde einen
Regelkatalog vorweisen. Entspricht jener der vorgegebenen Richtung des Staates,
so wird diese Schule eine Lizenz erhalten.
[23])
Minimale
Bildungsstandards müssen durch den Staat gesichert werden. Falls eine
Familie wenig Einkommen erzielt, ist es Aufgabe der Behörden, dass diese
Kinder die gleichen Voraussetzungen erhalten wie jene von reichen
Familien.
5.6 VARIANTEN5.6.1 UNREGULATED MARKET MODELDer ungeregelte Bildungsgutschein geht auf Milton
Friedman zurück, einem Vordenker des Bildungsgutscheins. Dieses System
sieht einen weitgehend wettbewerblich gesteuerten Bildungsmarkt mit einigen
ordnenden Staatsfunktionen bei freier Preisbildung vor. Der Preis des Gutscheins
ist konstant bzw. einkommensunabhängig. Ein Vorteil ist der geringe
Regulationsbedarf, welcher wirtschaftsliberalistischen Grundsätzen sehr
entgegenkommt. Die Produktionskosten könnten dadurch gesenkt werden, dass
Leistungstests eingeführt würden und nur begabte und lernwillige
Schüler den Ausbildungsprozess reibungsfrei und mit Erfolg
durchlaufen.[24])
5.6.2 REGULATED COMPENSATORY MODEL1970 hat Christopher Jencks, Hauptautor einer
Studie des Center for Study of Public Policy (CSPP), einen Bildungsgutschein
erarbeitet, welcher vor allem Rücksicht auf benachteiligte und
unterprivilegierte Bildungsnachfrager nimmt. Dieser ist
ergänzungsfähig, was grösstmögliche Wahlfreiheit bei
grösstmöglicher Chancengleichheit ergibt. Zitat Jencks: «Ein
Gutschein, der diese Einschränkungen nicht hat, könnte der
ernsthafteste Rückschlag im Bildungswesen für unterprivilegierte
Kinder in der Geschichte Amerikas
sein».[25])
Der
Grundwert des Gutscheins errechnet sich aus den Durchschnittskosten
vergleichbarer staatlicher Schulen. Finanziell schwache Familien sollen einen
Ergänzungsschein erhalten, welcher individuell zum Einkommen festgelegt
wird und das Doppelte des Grundscheins (Maximalwert) betragen
kann.
Um
einer möglichen Elitebildung und Diskriminierung zu begegnen, besteht
für die Schulen ein Aufnahmezwang. Bei Übernachfrage werden mindestens
50 % der Schülerplätze
verlost.[26])
5.6.3 UNREGULATED COMPENSATORY MODELMarinus Carel Eduard van Gendt beschreibt in
seiner Doktorarbeit «The voucher concept and the publicness of basic
education»: «The unregulated compensatory model resembles the
unregulated market model, except for the disadvantage of this latter model,
namely: the poor are not protected against an unregulated market
place».[27])
Dieses
von Peacock und Wiesman (1958/1964) unterstützte Modell sieht vor, dass der
Staat Gutscheine zu einem festen Betrag ausgibt, der aber zu versteuern ist.
Damit nimmt der Wert des Vouchers (Bildungsgutschein) mit zunehmendem Einkommen
durch die Steuerprogression
ab.[28])
5.6.4 EGALITARIAN MODELBei diesem Modell werden Gutscheine mit einem
fixen Wert ausgegeben. Schulen, die einen solchen Gutschein akzeptieren, ist es
nicht erlaubt, ein zusätzliches Schulgeld zu verlangen. Dafür
dürfen Schenkungen und Subventionen akzeptiert werden.
Das
Ziel des egalitären Bildungsgutscheins ist, dass sich durch die staatliche
Preislimite die Schulen nur durch die Diversifizierung des Bildungsangebotes
konkurrieren. Ebenso wird erwartet, dass die Anbieter bemüht sind, ihre
Kosten zu minimieren und das Angebot optimal zu gestalten.
Dieses
System hat den Nachteil, dass spezifische Nachfragebedürfnisse und
Ausbildungsleistungen nicht berücksichtigt werden, da keine
Ergänzungsleistungen möglich sind.
[29])
6 VERSUCHSPROGRAMME6.1 ALUM-ROCK (EAST SAN JOSE, CALIFORNIA)In den 80er Jahren wurde ein Experiment mit
Vouchers durchgeführt. 13 der insgesamt 24 Schulen des Bezirks beteiligten
sich an dem Unternehmen. Jede bot unterschiedliche Kursprogramme an, um eine
grösstmögliche Auswahl zu garantieren. Das Ziel der Rassenintegration
konnte nicht erreicht werden. Ein Grund lag darin, dass nicht die Eltern,
sondern die Schulen die Zuschüsse erhielten. Nicht zuletzt scheiterte das
Experiment an den Lehrergewerkschaften, die gegen das Projekt eingestellt waren.
Deshalb wurde das Vorhaben nach zwei von ursprünglich sieben geplanten
Jahren abgebrochen.
Die
Lehrer selber waren unabhängiger in der Erteilung ihres Unterrichts, was
aber ein Mehr an Arbeit nach sich zog. Das eigentliche Ziel des Experiments war
zu beweisen, dass die schulische Vielfalt steigt, was auch der Fall
war.
Das Hauptproblem bestand darin, dass ein Grossteil der Eltern trotz
mehrjähriger zweisprachiger Werbung wenig Kenntnis von der Existenz des
Programms und seiner Wahlmöglichkeiten
hatte.[30]) Dadurch wird deutlich,
dass ohne intensive Aufklärungsarbeit Gutscheinsysteme nicht den
gewünschten Sozialchanceneffekt erzielen. Definitive und gesicherte
Schlussfolgerungen aus diesem Experiment zu ziehen wäre übereilt, da
ein vorzeitig abgebrochenes Experiment in einem atypischen Schuldistrikt nur
vorläufige Aussagen
zulässt.
6.2 WEITERE VERSUCHSPROGRAMME IN DEN USA1994 waren in den Vereinigten Staaten 15
Versuchsprogramme im Gange, die den Bildungsgutschein und die freie Schulwahl
untersuchen sollten.[31]) Einer
dieser Versuche fand in San Antonio, ein anderer in Milwaukee
statt.
In
San Antonio haben Familien bis zu einem gewissen Einkommen ($ 28‘028 bei
zwei Kindern) das Recht, einen Voucher bei einer privaten Stiftung zu
beantragen. Dieser beträgt bis zu $ 750 je Kind und Jahr oder die
Hälfte des Schulgeldes. Damit können die Eltern ihre Kinder an eine
Schule ihrer Wahl schicken.
In
Milwaukee konnten ebenfalls Familien mit kleinem Einkommen einen öffentlich
finanzierten Gutschein beantragen. Damit konnten sie eine öffentliche oder
private Schule auswählen. Dabei durften nicht mehr als die Hälfte der
Gesamtschülerzahl der privaten Schulen aus dem Gutscheinprogramm stammen,
und die privaten Schulen durften keine zusätzlichen Schulgelder
verrechnen. [32]) Andere Versuche
funktionieren ähnlich.
Die Programme wurden lediglich danach ausgewertet, wie stark die
Wahlmöglichkeit in Anspruch genommen wird und wie sich die ethnische
Verteilung und die Leistung der Schüler entwickelt.
Wir
sind der Meinung, dass diese Modelle zu stark von dem Grundgedanken abgewichen
sind, als dass sinnvolle Schlüsse über das Bildungsgutscheinmodell
gezogen werden könnten. Dadurch, dass nur ein kleiner Teil der
Bevölkerung teilnimmt und staatliche Schulen nach wie vor subventioniert
werden, können die marktwirtschaftlichen Mechanismen der Gutscheintheorie
nicht entstehen. Womit die erwünschten Effekte, wie Verbesserung und
Vielfalt des Angebotes, Kosteneinsparungen und Innovationsschübe nicht
eintreten können.
7 SCHLUSSWORTDer Bildungsgutschein ist unserer Meinung nach
ein guter Weg, wie die staatlich geführten Bildungsinstitute privatisiert
und ein freier Wettbewerb unter den verschiedenen Schulen eingeführt werden
kann. Wir denken, dass dadurch eine höhere Effizienz in der Verwendung der
Ressourcen erreicht wird und die Lehrkräfte gezwungen sind, sich nach
privatwirtschaftlichen Regeln zu richten bzw. zu arbeiten. Was auch der
Forderung der Lehrer nach mehr Autonomie und Selbständigkeit
nachkommt.
Ein
weiterer Aspekt besteht darin, dass auf die Veränderungen der Kunden bzw.
der Wirtschaft rasch und effizient reagiert werden kann. Eine erfolgreiche
Umsetzung ist nur möglich, wenn die unter Punkt 5.1 bis 5.5 genannten
Eigenschaften konsequent und bedingungslos umgesetzt werden.
Für
das Schweizer Umfeld ergeben sich zusätzliche Problemstellungen. Im
Alpenraum stellt sich zum Beispiel die Frage der «kritischen
Grösse» einer einzelnen Schule. In einem schwer zugänglichen
Gebiet mit kleiner Schülerzahl kann oft nur eine Schule existieren. Daraus
entsteht die Gefahr einer Monopolstellung eines Anbieters, was zu
überhöhten Preisen führt. Eine zusätzliche Verteuerung kann
auch dadurch entstehen, dass zu wenige Schüler für eine effiziente
Bildungsproduktion vorhanden sind. Für diese Problemstellungen müssen
besondere Lösungen erarbeitet werden.
Unser
Land hat zwar das am wenigsten flexible und unliberalste Bildungswesen der
westlichen Welt, doch geniesst das Schweizer Bildungswesen international einen
vorzüglichen Ruf.
Von
dieser Basis ausgehend, wäre ein radikaler Systemwechsel wie der des
Bildungsgutscheins, zu dem noch keine gesicherten praktischen Erfahrungen
vorliegen, kaum durchzusetzen. Zum einen wäre es kaum möglich, die
Schweizer Bevölkerung von der Notwendigkeit eines Wechsels zu
überzeugen. Zum andern ist ein massiver Widerstand aus verschiedensten
politischen Lagern zu befürchten. Dies zeigt das Beispiel von Alum-Rock
sehr schön, wo der Versuch nicht zuletzt am Protest der Lehrergewerkschaft
gescheitert ist.
Das
System des Bildungsgutscheins kann sich erst dann behaupten, wenn
überzeugende Erfahrungswerte vorliegen. Dazu müsste erst ein
mehrjähriger Versuch gestartet werden. Um die Ergebnisse nicht zu
verfälschen, wie das bei den derzeitigen Versuchen in den USA der Fall ist,
müssen einige wichtige Bedingungen erfüllt sein:
Um nun auf die
Fragestellung der Schweiz zurückzukommen, glauben wir, dass eine sanfte
Reform, welche eine Teilliberalisierung des Bildungswesens zum Ziel hat, den
besseren Weg darstellt. Wir schlagen folgende Bildungsreformen
vor:
Diese
Massnahmen sind ein erster Schritt, das Schweizer Bildungswesen in der
näheren Zukunft flexibler und liberaler zu gestalten. Eine solche
Bildungspolitik würde eine Plattform bieten, von der aus weitere
Liberalisierungsschritte eingeleitet werden könnten.
8 LITERATURVERZEICHNIS8.1 BÜCHERBöhm, Winfried, Internationale
Pädagogik, Würzburg 1994, Band 17
Brinek, Gertrud / Severinski, Nikolaus,
Staatsschule am Ende?, Wien 1995
Gendt, Marinus Carel Eduard, the voucher concept
and the publicness of basic education, Amsterdam 1980
Maurer, Mathias, Der Bildungsgutschein, Stuttgart
1994
Schlaffke, Winfried, Weiss, Reinhold, Private
Bildung – Herausforderung für das öffentliche Bildungsmonopol,
Köln 1996
8.2 ZEITUNGEN / ZEITSCHRIFTENBurckhardt, Andreas, Die Bedeutung der
Privatschulen in der Bildungslandschaft, in: Bildung 2/97
Fischer, Markus, Kooperation statt Konfrontation
im Bildungswesen, in: Staatsschule und Privatschule SLZ 10/97
Maurer, Mathias, Der Bildungsgutschein –
Finanzierungsverfahren für ein freies Schulwesen, in: Basellandschaftliche
Schulnachrichten Nr.6/91
Mey, Hansjürg, Die Schweizer
Fachhochschulen, in: zhwinfo Februar 1999
Santini, Bruno, Kooperation statt Konfrontation
im Bildungswesen, in: Staatsschule und Privatschule SLZ 10/97
The National Scholarship Center, Just Doing It
– First Annual Survey Of The Private Voucher Movement In America,
Washington, D.C. 1994
Zwygart, Alfred, Freiheit, die wir meinen, in:
Neue Zürcher Zeitung vom 23.11.95 (keine Seitenangabe, da Archivbericht ab
CD-ROM)
8.3 NEUE MEDIENBundesamt für Statistik, Statistisches
Jahrbuch der Schweiz 1998, CD-ROM
http://www.fdp-bayern.de/web/programm/hochschu.htm,
F.D.P., Bayern, Standort der Hochschule in der Wettbewerbsgesellschaft, vom
25.11.1998
http://www.ssta.sk.ca/research/parent_involvement/96-07.htm,
Hurlbert , E.L., Parental Choice in Schooling: Violence,Values, and Vouchers,
vom 28.02.1999
[1])
Zwygart, Alfred, Freiheit, die wir meinen, in: Neue Zürcher Zeitung vom
23.11.95
[2])
vgl. Fischer, Markus, Kooperation statt Konfrontation im Bildungswesen, in:
Staatsschule und Privatschule SLZ 10/97, S. 5-8
[3])
Bundesamt für Statistik, Statistisches Jahrbuch der Schweiz 1998,
CD-ROM
[4])
Lavater, Walter, ehemaliger Sekundarlehrer, gemäss Interview vom
27.02.1999
[5])
Mey, Hansjürg, Die Schweizer Fachhochschulen, in: zhwinfo Februar
1999
[6])
vgl. o. V., Bildungswesen im Umbruch, in: H+I-Auslese Nr. 262, vom 13.06.1996,
S. 10f
[7])
vgl. Friedman, Milton, zit. nach: Maurer, Mathias, Der Bildungsgutschein –
Finanzierungsverfahren für ein freies Schulwesen, in: Basellandschaftliche
Schulnachrichten Nr.6/91, S. 9f
[8])
vgl. van Lith, Ulrich, Ordnungspolitik und Bildungsmarkt, in: Brinek, Gertrud /
Severinski, Nikolaus (Hrsg.), Staatsschule am Ende?, Wien 1995, S.
41
[9])
vgl. Burckhardt, Andreas, Die Bedeutung der Privatschulen in der
Bildungslandschaft, in: Bildung 2/97, S. 7
[10])
van Lith, Ulrich, Ordnungspolitik und Bildungsmarkt, in: Brinek, Gertrud /
Severinski, Nikolaus (Hrsg.), Staatsschule am Ende?, Wien 1995, S.
43
[11])
vgl. o. V., Bildungswesen im Umbruch,
in: H+I-Auslese Nr. 262, vom 13.06.1996, S. 7f
[12])
vgl. van Lith, Ulrich, Ordnungspolitik und Bildungsmarkt, in: Brinek, Gertrud /
Severinski, Nikolaus (Hrsg.), Staatsschule am Ende?, Wien 1995, S.
44f
[13])
vgl. Kim, Myung-Shin, Bildungsökonomie und Bildungsreform, in: Böhm,
Winfried (Hrsg.), Internationale Pädagogik, Würzburg 1994, Band 17, S.
24
[14])
vgl. van Lith, Ulrich, Ordnungspolitik und Bildungsmarkt, in: Brinek, Gertrud /
Severinski, Nikolaus (Hrsg.), Staatsschule am Ende?, Wien 1995, S.
46f
[15])
Behrens, Eckhard, Zur Diskussion des Bildungsgutscheins, in: Seminar für
freiheitliche Ordnung (Hrsg.), Fragen der Freiheit, Bad Boll (1995), Folge 236,
S. 22
[16])
Böhm, Winfried 1988, S.94, zit. in: Kim, Myung-Shin, Bildungsökonomie
und Bildungsreform, in: Böhm, Winfried (Hrsg.), Internationale
Pädagogik, Würzburg 1994, Band 17, S. 24
[17])
vgl. Jencks, Christopher, zit. nach: Maurer, Mathias, Der Bildungsgutschein
– Finanzierungsverfahren für ein freies Schulwesen, in:
Basellandschaftliche Schulnachrichten Nr.6/91, S. 11
[18])
vgl. o. V., Bildungswesen im Umbruch, in: H+I-Auslese Nr. 262, vom 13.06.1996,
S. 10
[19])
http://www.fdp-bayern.de/web/programm/hochschu.htm, F.D.P., Bayern, Standort der
Hochschule in der Wettbewerbsgesellschaft, vom 25.11.1998
[20])
vgl. Maurer, Mathias, Der Bildungsgutschein – Finanzierungsverfahren
für ein freies Schulwesen, in: Basellandschaftliche Schulnachrichten
Nr.6/91, S. 10
[21])
vgl. Burckhardt, Andreas, Die Bedeutung der Privatschulen in der
Bildungslandschaft, in: Bildung 2/97, S. 8
[22])
vgl. Santini, Bruno, Kooperation statt Konfrontation im Bildungswesen, in:
Staatsschule und Privatschule SLZ 10/97, S. 8
[23])
vgl. Maurer, Mathias , Der Bildungsgutschein, Stuttgart 1994, S.
68f
[24])
vgl. Maurer, Mathias, Der Bildungsgutschein, Stuttgart 1994, S.
34f
[25])
Jencks, Christopher, 1972, S. VI, zit. in: Maurer, Mathias, Der
Bildungsgutschein, Stuttgart 1994, S. 35
[26])
vgl. van Gendt, Marinus Carel Eduard, the voucher concept and the publicness of
basic education, Amsterdam 1980, S. 96
[27])
van Gendt, Marinus Carel Eduard, the voucher concept and the publicness of basic
education, Amsterdam 1980, S. 91
[28])
vgl. Maurer, Mathias, Der
Bildungsgutschein, Stuttgart 1994, S. 38f
[29])
vgl. Maurer, Mathias, Der
Bildungsgutschein, Stuttgart 1994, S. 39
[30])
vgl. Maurer, Mathias, Der Bildungsgutschein – Finanzierungsverfahren
für ein freies Schulwesen, in: Basellandschaftliche Schulnachrichten
Nr.6/91, S. 13
[31])
vgl. The National Scholarship Center, Just Doing It – First Annual Survey
Of The Private Voucher Movement In America, Washington, D.C. 1994, S.
3
[32])
vgl. http://www.ssta.sk.ca/research/parent_involvement/96-07.htm, Hurlbert ,
E.L., Parental Choice in Schooling: Violence,Values, and Vouchers, vom
28.02.1999 |
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